“…mögliche Teilhabe an der Intensität fremden Lebens.”

„Biografien schreiben (lassen) heute” – Interview mit Lars Röper, Geschäftsführer von “Biografie meines Lebens”

 

Meine Biografie schreiben lassen

Herr Röper, Sie schreiben private Biografien, ist es nicht eine große Freude, mit Menschen zu arbeiten, die sich an ihr Leben erinnern und davon erzählen?

Natürlich ist dies eine große Freude und Bereicherung. Einige Biografinnen oder Biografen allerdings werben damit, das Schreiben einer Biografie bedeute, sein Leben ein zweites Mal zu kosten. Mich hat dieser Satz nie wirklich angesprochen. Das Leben ist kein Kaffeeklatsch. Jeder weiß das. Selbstverständlich ist es aber eine große Freude, sich an all das Schöne zu erinnern, das ein Leben bewegt, und überaus bereichernd, davon erzählt oder Erinnerungen begeistert beschrieben zu bekommen. Gleichzeitig bedeuten das Schreiben einer Biografie und die immer damit verbundene Erinnerungsarbeit auch das wieder Aufleben lassen von Schmerz, Verlusten, Ängsten. Dies kann sehr aufwühlend sein, und der Biograf muss gut geschult sein, um mit solchen Situationen umgehen zu können.

...damit schließlich eine gelungene Biografie entsteht, die gerne verschenkt und herumgereicht wird?

Erst einmal sind dieses Einfühlungsvermögen und die Professionalität wichtig, damit wir während unserer Treffen und langen Gespräche eine gelungene gemeinsame Zeit mit unseren Kunden haben. An dessen Ende – und dieser Prozess kann ein ganzes Jahr dauern – liegt dann ein gebundenes Buch vor einem. Ein wirklich großer Moment. Der allerdings im Vorfeld auch sehr viel Arbeit verlangt. Das schriftliche Niederlegen von Erinnerungen hat etwas Abschließendes, es entstehen nahezu Wahrheiten. So, wie ein Ereignis geschrieben steht, wird dieses erinnert werden. Dieser Aspekt zeigt, wie wichtig es ist, dass sprachbegabte und ausgebildete Menschen eine Biografie verfassen. Einige Menschen können dies selbst, anderen bieten wir unsere professionelle Unterstützung an.


Sie legen dabei besonderen Wert auf die literarische Qualität der Biografie?

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Ja, unbedingt. Nicht nur, weil ich selbst gute Literatur sehr schätze, sondern besonders auch, weil niemand eine Biografie lesen möchte, die mit den Worten „Er wurde am 7. August 1954 in Hameln geboren” beginnt. Eine Biografie muss spannend und originell geschrieben sein, und – das ist ganz wichtig – die Stimme des beschriebenen Menschen erklingen lassen.
Nicht für jeden Menschen ist dabei allerdings eine rein literarische Biografie die passende Form der Biografie. Wir sind sehr stolz darauf, auch künstlerisch hochwertige Biografien als Comics, oder, wie es heute heißt, Graphic Novel, und auch als Bilderbuch anbieten zu können. Den Kundinnen und Kunden sowie unserem Team macht es großen Spaß, mit den Illustratorinnen und Zeichnern zusammen zu arbeiten. Einige Menschen finden sich in so einer grafischen und künstlerischen Biografie besser wieder, als zwischen vielen geschriebenen Worten. Und die Kinder oder Enkel machen sowieso einen Luftsprung.

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Siegfried Kracauer bezeichnete Biografien in den 1970er Jahren als „neubürgerliche Kunstform, in der ein in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs untergegangenes Subjekt zu neuem Leben erweckt werden“ soll. Und auch in den Jahren danach haben viele bedeutende Philosophen das Subjekt für tot oder ausgelöscht erklärt. Warum dann noch Biografien schreiben?

Einer der Philosophen, auf die Sie anspielen, ist sicher der Franzose Michel Foucault. Von ihm stammt der beeindruckende Satz, „der Mensch verschwindet, wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand”. Foucault und seine Kollegen stellen die Einheit des Subjekts und das ganze Individuum in Frage. Gleichzeitig sind deren philosophischen Texte so wortgewaltig, dass man als Normalsterblicher kaum dagegen ankommt oder sie gar argumentativ auszuhebeln vermag. Dürfen Sie allerdings zuhören, wenn jemand seine Lebensgeschichte erzählt, mit all den Schönheiten, Zärtlichkeiten, Tränen und Lachfalten, die darin wohnen, können Sie – auch wenn dies wenige philosophisch argumentativ ist – diese ganzen Theorien wie Seifenblasen wegfliegen und zerplatzen sehen. All das Genannte bringt den Menschen schlechthin zur Erscheinung. Gleichzeitig wird einem klar, dass ein Leben so viel mehr ist, als die Summe seiner Teile.


Haben Sie bereits einmal darüber nachgedacht, Ihre eigene Biografie zu schreiben? Das wäre doch sicher interessant.

Die eigene Biografie verlangt immer nach dem richtigen Zeitpunkt. Ich habe eine wunderbare Arbeit, eine Frau, vier Kinder, einen Garten, ich liebe Kunst, Literatur, Musik und viele anderen Dinge. Während meiner jetzigen Lebensphase bleibt demnach kaum Zeit für das Erinnern. Denn immer, wenn ich tatsächlich mal Zeit finde, mich hinzulegen, um in Erinnerungen zu schwelgen, springt innerhalb weniger Augenblicke eines meiner Kinder auf meinen Bauch und hüpft mich ins Jetzt zurück.    


Wenn Menschen den richtigen Zeitpunkt für das Verfassen Ihrer Biografie für gekommen halten, was würden Sie diesen Menschen raten?

Beginnen Sie. Undbedingt! Sie werden eine große, intensive Zeit haben. Bummeln Sie durch Ihr Zuhause, betrachten Sie die Dinge Ihres Lebens. Lesen Sie alte Briefe, betrachten Sie Fotos, besuchen Sie Orte, an denen Sie gewesen sind (weitere Tipps zum Schreiben von Biografien). Und kaufen Sie sich eine Hängematte, legen Sie sich hinein, schwelgen Sie in Erinnerungen wie auf einer Reise. Lassen Sie die Erinnerungen zu Ihnen kommen. Wenn sie kommen, dann sollten Sie diese allerdings gleich notieren. Was man für eine gelungene Biografie braucht, so hat es der amerikanische Ethnologe und Biografie-Forscher Clifford Geertz einmal gesagt, „sind anschauliche Darstellungen, Anekdoten, Gleichnisse, Geschichten: Mini-Erzählungen, in die der Erzähler eingeschlossen ist”. Nach intensiven Gesprächen und jeder Menge Arbeit liegt dann wahrhaftig eine Biografie vor einem, der gelingt, was einer Biografie gelingen sollte: Der möglichen Teilhabe an der Intensität fremden Lebens.

Das Interview führte die Journalistin Gerlinde Straub-Anhalt Anfang September 2014