Eine erste Leseprobe aus der Biografie von Amela Halilovic

Eine Ehre und Freude ist es uns, die Autorin Amela Halilovic beim Schreiben ihrer Biografie unterstützen zu dürfen. Geboren 1979 in Bosnien und Herzegovina, erlebte sie als Mädchen den Bosnienkrieg, lebt seit Jahren in Deutschland, hat hier eine Familie und eine Zukunft gefunden. Ihre Heimat hat Halilovic aber nie vergessen und unterstützt die Menschen dort durch die Arbeit ihres Vereins „Aktion-Leben und Lernen in Bosnien“. Frau Halilovic studierte Germanistik und Psychologie, arbeitete als Dolmetscherin und ist derzeit als Sprachdozentin für „Deutsch als Fremdsprache“ und psychologische Beraterin für Kinder, Jugendliche und Erwachsene tätig.

x

Amela Halilovic & Lars Röper, Geschäftsführer und Autor von Biografie meines Lebens

c

c


Eine erste Leseprobe aus der Biografie von Amela Halilovic

 

Prolog

Egal, wo ich mein Gesicht umdrehe,

Du umarmst mich.“

_

Vaters riesige Pupillen. Sein während des Krieges noch felsiger gewordenes Gesicht. Die laute, bebende Stimme. „Deine Mutter und ich haben entschieden, unser Haus zu besuchen.“

Ich schreckte auf. Nach Hause. Wie lange schon war ich nicht mehr dort gewesen. Manchmal scherzte mein Vater mit meiner Mutter. Mit mir aber tat er dies nie.

Es ist doch Krieg. Wir können nicht nach Hause gehen“, entgegnete ich vorsichtig, um meinen Vater nicht wütend zu machen. Widerworte hasste er und würde sie bestrafen.

Wir schauen wie es im Haus aussieht“, fuhr mein Vater fort. „Außerdem brauchen wir Kleidung. Morgen früh machen wir uns auf den Weg.“

Wie Brocken schmiss er mir diese Entscheidung vor die Füße. Niemals hätte mein Vater ein „Nein“ akzeptiert. Ein Tagesmarsch lag vor uns. Zwölf Stunden oder mehr würde meine Familie brauchen, unsere, sich an die azurblauen Flüsse Una und Krušnica schmiegende Heimatstadt Bosanska Krupa, 25 Kilometer nordöstlich von Bihać, zu errreichen. Das wusste ich. Wie nur konnten meine Eltern das wagen? War Bosnien doch durchsiebt von Schüssen, übersät von Granaten. Überall flogen sie. Zerrissen Menschen vor meinen Augen in nichts als Fleisch und Knochen.

Am Morgen wartete mein Vater mit unserem Fahrrad vor dem Haus. Stumm saßen unsere zweijährigen Zwillinge hintereinander auf dem Gepäckträger. Meine Mutter und meine Schwester standen daneben, eng beeinander. Blicke vermieden wir. Kaum trat ich zu ihnen, setzte mein Vater mit einem Ruck das Fahrrad in Bewegung. Unsere Familie machte sich auf den Weg nach Hause.

Zum Abend werden wir die Großtante erreichen. Warten dort bis es Nacht wird. Dann schleichen wir zum Haus“, eröffneten meine Eltern uns ihren Plan. Das Haus der Schwester meines früh verstorbenen Opas hatte ich nie gesehen. Wusste nicht, wo sie lebt, diese kleine, beinahe viereckige Frau mit der dicken Warze am Kinn und ihrem hellen, gemusterten Kopftuch. Ich kannte meine Großtante kaum. Offenbar hegten mein Vater und meine Mutter aber keine Zweifel, dass ihr Haus ein sicherer Ort, es nicht von einer Granate zerrissen oder von den Tschetniks angezündet und nur noch als kohlschwarzes Grauen auffindbar sei.

Später sah ich es dann. Wie ein Zauberhaus war es ganz unten am Berg Kobiljnjak versteckt. Ein geheimer Ort, an dem meine Großtante lebte. Niemals zündete sie ein Feuer an. Vermied auch während der Winter den aufsteigenden, verräterischen Rauch. Saß beim schwachen Lampenschein, in dicke Kleidung und Decken gehüllt. Das alles half kaum. Doch Frieren war besser als der Tod. Wusste sie doch, was die Feinde ihr antäten, führte auch nur die kleinste Spur sie zum Zauberhaus.

Unsere Familie war noch fern dieses geheimnisvollen Ortes, der gleichsam so nah an unserem Zuhause lag. Wir tranken etwas. Rasteten nur kurz. Setzten unseren endlosen, meine letzten Kräfte vernichtenden Marsch durch diesen Krieg fort. Hörten die Granaten. Überall fielen sie. Und ich dachte beim Gehen an meine Oma, wie sie zu den Detonationen ihre beiden Kopftücher lüpfte. Das untere, ihre langen Haare bändigende, und das zweite, den Kopf nach Art ihres Glaubens bedeckende Tuch über ihrem rechten Ohr anhob, um den Einschlägen der Granaten zu lauschen. „Das war im Nordosten“, sagte meine Oma wie eine Buchhalterin des Krieges, ortete sogleich die folgende Detonation und addierte sie zur Geografie der Granaten.

Die Zwillinge heulten während unseres Marsches nun immer öfter. Mein unermüdlich das Fahrrad durch den Straßenstaub schiebende Vater brachte sie mit einem harten Befehl zur Ruhe. Erst Stille, dann wieder das Heulen der Granaten und meiner kleinen Brüder. In lumpiger Kleidung trotteten meine Mutter, meine Schwester und ich hinterher. Seit Monaten trug ich die viel zu große Jacke meines Vaters. Wie sie an mir hing. Ich hasste es. „Flüchtling“, beschimpften die anderen Kinder und Jugendlichen mich, auch wenn es Hunderttausende von uns gab.

Ich taumelte. Riss mich zusammen und ging weiter, bevor Vater mich anschreien würde. Er sagte nichts. Dafür wie Kreischen am Himmel die Flugbahnen der Granaten. Wieder erinnerte ich die Stimme meiner Oma. „Im Süden, Amela, das war im Süden.“

Am Abend erreichten wir die sich an Bosanska Krupa anschließenden Berge und Wälder. Wir streiften zwischen den Bäumen hindurch. Die Sonne war noch nicht untergegangen, färbte eine sich vor uns auftuende Lichtung blutrot. Ich schaute zum Himmel hinauf. Spürte meinen Schweiß. Hörte den Atem meiner Mutter. Nichts als quälende, von schmerzvoller Realität erzitternde Gedanken in meinem Kopf.

Wir standen im Schutz der Bäume. Auch auf der anderen Seite war Wald. Dazwischen die freie Fläche. Wir würden sie überqueren müssen. Ein Schuss fiel. Weitere folgten. Zwischen den Bäumen hatte uns das Krachen nicht berührt. Viel zu vertraut war uns der ewige Klang der Waffen. Ich wusste wie sie aussehen und funktionieren. Wie wirkungsvoll sie sind. Menschen sterben schnell mit einem Schuss in den Kopf.

Doch nun, während unsere Blicke über die Lichtung streiften, riss Angst mich bei jedem Geräusch beinahe entzwei.

Mein Vater lehnte das Fahrrad an einen der Bäume, klemmte sich unter jeden Arm einen unserer Zwillinge und schaute uns drohend an.

Wir müssen rennen!“

Wir nickten in unserer Angst. Vater, dieser ewige Fels, verzog keine Miene. Seine gewaltigen Pupillen sahen nun mich an.

Sei wie der Wind, Amela.“

Dann rannte er los. Überquerte geduckt, die Zwillinge unter seinen Armen zum Krachen der Schüsse die Lichtung. Erreichte den Waldrand. Gefolgt von meiner Mutter und meiner Schwester. Schüsse. Granaten. Sie hetzten unter die Bäume. Und auch ich rannte jetzt in das blutrote Licht. Wieder Schüsse. Erreichte die Mitte der Lichtung. Sah die andere Seite. Blieb einfach stehen.

Ich konnte nicht mehr.

Gott ist immer da. Ich möchte zu ihm. Er wird gut zu mir sein“, spürte ich. Hörte das Lied, das ich in meinem Chor immer sang. Das ich so liebte, weil es mich mit Gott verschmolz. Die Schüsse krachten. Zerstörten aber nicht mein Lied.

Oh Allah, schau mich an.

Du Herr des Himmels und Herr der Erde,

die du geschaffen hast.

Egal, wo ich mein Gesicht umdrehe,

du umarmst mich.“

Meine Eltern umarmten mich niemals. Waren streng, riefen meinen Namen. „Amela“. Diesen wunderschönen Namen, der in Bosnien auch eine Süßigkeit bezeichnet. Toffifee. „Es steckt viel Spaß in Toffifee!“ Einmal hörte ich diese Werbung. Nichts traf weniger auf mich zu. Aus den Mündern meiner Eltern wurde das Süße zu einem Wort der Wut. Für sie gab es immer einen Grund, mich zu strafen, in den hinter unserem Haus liegenden Garten zu schicken mit den Worten: „Hole Zweige und Äste, Amela. Bis es genügend sind für eine Rute.“ Wie oft prügelten sie mich, würgte mein Vater mich bis alles nach Blut schmeckte.

Mitten auf der blutroten Lichtung schenkte mir Gott alle Zeit, um diesen Erinnerungen nachzugehen. Immerzu fielen Schüsse und mein Vater tobte am Waldrand. Doch seine Macht erreichte mich nicht.

Ich dachte an die Schläge, das Würgen, mein erdrosseltes Ich, meine seit der Geburt vor vierzehn Lebensjahren zum Zerreißen gespannte Seele. Dachte an den Krieg. Die Toten. Die Verzweiflung. Das Wimmern, wenn eine Frau vom Tod ihrer Kinder erfährt.

Jetzt bot ich mein Leben den Scharfschützen an. Hier auf der Lichtung unter der blutroten Sonne. Verzweifelten meine Eltern bei diesem Anblick? Würde diese Verzweiflung endlich etwas Liebe für mich freisetzen? Oder nur mehr der ewigen Wut?

Von meinen Eltern hatte ich nie Liebe erfahren. Wusste bis zu meinem dreizehnten Lebensjahr nicht, dass es so etwas überhaupt gab. Wie eine Leerstelle in meinem Leben, die erst durch die Gebete meines Großvaters eine Bedeutung bekam und mit Liebe erfüllt wurde.

Nicht, dass dieser alte, so liebevolle Mann für mich gebetet hätte. Für seine Enkeltochter Amela, die dort oben in ihrem Rapunzel-Zimmer saß, sich selbst umarmte und verzerrte Figuren auf das Papier kritzelte mit Strichen, die aussahen wie Schreie. Sicher schloss Großvater mich immer wieder auch in seine Gebete ein. Vielmehr jedoch war es mein Betrachten des alten Mannes in der Moschee, das ich nie vergessen sollte. Sein tiefes Verneigen vor einem unsichtbaren Gott und diese, von mir mit einem Glücksgefühl wahrgenommene, im Gebet um ihn erblühende Aura aus Demut, Hoffnung und Vertrauen. Doch noch etwas erfüllte die Luft um meinen betenden Großvater. Schillernd, mir unbekannt, doch wunderschön. Gerne hätte ich meine Finger ausgestreckt, dieses Fremde vorsichtig zu ertasten und fortan auf meiner Hand durchs Leben zu tragen. Gleich einem Vogel, der einen mit hinaufnahm, wenn es hier unten wieder einmal unerträglich wurde.

Ich hatte die Liebe gesehen. Großvaters Liebe zu Gott. „Einem Gott, der mich in seine Arme schließt“, wusste ich, „wenn gleich eine Kugel das Leben aus meinem jugendlichen Körper nimmt.“ Ich spürte, wie der Tod nahte. Mitten auf dieser Lichtung. Vor den Augen meiner Familie. Unter der Blutsonne von Bosnien.

Ein Schuss. Das Schreien meines Vaters. „Ich bring´ dich mit meinen eigenen Armen um. Komm her!“, drang sein Befehl in mich ein. Überwältigte meinen Geist mit endloser Leere, tötete meine Träumereien. Gab mir einen Schubs. Ich taumelte. Verharrte und sträubte mich.

Mein Vater jedoch war stärker als alles. Noch dem Tod und Gottes Umarmung entriss mich sein Befehl. Wieder riss mich jemand durchs Leben. Auf die andere Seite der Lichtung. Weiter durch meine Zeit, von der ich hier erzähle.

– Kapitel 1 –

Ich sehe dich immer“, drohte mein Vater der Feuerwehrmann. Gewaltig stand er vor mir mit seinen zwei Metern, der Uniform und dem Gummiknüppel an seiner Seite …

_

(Weiteres in Kürze)